Texte

Malta Classic Rock Festival 2004

Von Peter Wolff

Wir hatten uns den Urlaub redlich verdient. Malta war unser Ziel. Das Hotel Porto Azzuro an der St. Pauls Bay sollte unserer Kleinfamilie, wir hatten unseren Sohn mit im Gepäck, Erholung, Entspannung und Bräunung bringen. Die Anreise vom Flughafen bei sengender Hitze war stressig. Malta im Hochsommer ist nun mal warm. Sehr warm. Unser Filius war am Quengeln als wir das Hotel betraten. Wir hatten eine Suite mit zwei Schlafzimmern gebucht, mit Blick auf die Bucht. An der Rezeption herrschte bereits reges Treiben und Geschimpfe. Auch uns wurde höflich, freundlich aber bestimmt mitgeteilt, dass die obersten drei Etagen des Hotels komplett für die Musiker des Classic Rock Festivals Malta 2004 vermietet waren. Die Nekermanntante gab sich alle Mühe, konnte aber nur erreichen, dass wir für drei Tage ein kleines Zimmer mit zusätzlicher Matratze erhalten könnten. Des Weiteren konnten wir wählen zwischen einer Erstattung von 100 DM pro Person oder einer unentgeltlichen Familientagestour im Wert von 365 DM. Ratet mal? Genau, die Tour war wirklich nett. Gesagt getan, wir bezogen das Appartement mit Blick auf eine Häuserwand und rüsteten uns für das Abendessen.

Der Speisesaal war gut gefüllt. Rita stieß mir den Ellbogen in die Seite und deutete nach links. "Da sitzt Fish" sagte sie, richtig, da saß Fish, Ex-Frontmann von Marillion, ganz allein, mit einem bekleckerten T-Shirt, stocherte in seinem Essen und hielt ein Buch in der Hand. Wir  nahmen Platz. Nach uns betrat eine weitere Familie den Speisesaal. Paul Young, nebst Frau und zwei Kleinkindern, die sich mehr oder weniger am Nebentisch platzierten. Das war uns nicht geheuer. Beide Künstler waren ständige Begleiter unserer Lebenswelt und deren Platten drehten sich häufig bei uns. Ich hatte den Frust über die Fehlbuchung der Zimmer längst vergessen. An der Bar, am hinteren Ende des Speisesaals stand Manfred Mann, ganz in schwarz gewandet (langer schwarzer Mantel ??) und trank Tee. Unglaublich. Steve Hackett, Ex-Gitarrist von Genesis, saß mit seinen Musikern oder Crewmitgliedern an einem langen Tisch am Fenster. Das Staunen wollte nicht aufhören. Später sollten wir noch erfahren, dass die Musiker von Jethro Tull auf dem Zimmer gegessen hatten. Was für ein Erlebnis. Die Helden unserer Jugend verschwanden alle sehr zeitig. Paul Young nahm seine Kinder auf den Arm und nickte seiner Frau noch kurz zu, die noch an der Bar ein Glas Wein trank. Sie bat Rita um Feuer. Nach einem kurzen Gespräch kritzelte sie, Sarah, einen Bierdeckel mit einer Danksagung voll und gab ihn Rita. Was für ein geiles Konzert muss das gewesen sein?


Peinlicher Auftritt in Innsbruck

Von Peter Wolff

September 2010. Wir waren auf der Rückreise aus der Toscana und wie jedesmal machten wir in Innsbruck einen erholsamen Zwischenstop nebst Übernachtung. Diesmal etwas außerhalb und in einem Motel ohne Küche. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, wollten wir etwas essen gehen. Die Wegbeschreibung des Motelangestellten war mißverständlich und wenig hilfreich. Ritas Idee war, unser Navi zu aktivieren und den Fahrrad-Modus zu verwenden. Cooler Gedanke, wollten wir doch auf dem Heimweg nicht herumirren. Adressen eingegeben, Jacken und Schirm gegriffen und los. Nach gut 30 Minuten waren wir in der Innsbrucker Altstadt, saßen im Stiftskeller, genossen einen Humpen Bier in der Abendsonne, leckerers Essen und beobachteten den Innsbrucker Firmenlauf. Die Straßen waren gesäumt mit Touristen und Angehörigen der Läufer, überall Jubel, Trubel und Heiterkeit. Auf mehreren Bühnen spielten Bands und Kleinkünstler und das Treiben war ansteckend und fröhlich machend. Wir hörten eine gute Stunde einer ziemlich geilen Coverband zu, ich trank einige Biere und Rita einige Schorlen.

Es dunkelte zunehmend und wir wollten morgen sehr früh los. Es wurde langsam auch ziemlich kühl. Also, ab ins Motel. Allein, der Gerstensaft forderte die Einkehr auf einer Toilette. Wir waren grad wieder am Stiftskeller angekommen, als mich das menschliche Rühren überkam. Ich ging noch kurz auf`s Klo. Nun denn Mädels, ich weiß ja nicht ob Ihr schon einmal ein Herrenklo frequentiert habt aber es herrscht meistens ein konzentriertes Schweigen beim Verrichten.

Die Sechs Becken waren besetzt. Von den vier Toiletten waren drei besetzt. Ab in die freie Kabine. Wie bereits erwähnt, um mich herum sehr konzentriertes Schweigen. Plötzlich durchbrach eine laszive, weibliche Stimme die Stille mit den Worten "Wenn möglich, bitte wenden". Dieselbige kam aus meiner Jackentasche. Nach einer kurzen, atemlosen Pause, schallendes Gelächter, Gegrühle und Gejohle. Rita hatte mir - in Ihrer grenzenlosen Güte - das Navi in die Jackentasche gesteckt, ohne es auszuschalten. Das blöde Ding sah sich genötigt einen Richtungswechsel kundzutun just in dem Moment, als ich meinen Reisverschluss öffnete. Mit hochrotem Kopf kam ich aus der Kabine, bestaunt und belächelt von den anderen Piss-Kumpanen. Nichts wie raus hier. Tief beschämt erzählte ich Rita, was mir widerfahren ist, die zu meinem Erstaunen ganz anders darauf reagierte als ich dachte. Sie bekam einen derartig heftigen Lachanfall, dass ich schon fürchtete, ich müsse den Notarzt rufen. Frauen können schon sehr schadenfroh sein............


Ein ewig gestriger Wally-Fan

Von Peter Wolff

Sommer 2006

Ich war dabei den Aufnahmepegel zu checken, D-Dur, C-Dur, G-Dur, perlend standen die Akkorde im Raum. Unwillkürlich musste ich an Thomas Hinzpeter denken, der mir mit diesen Akkorden den Song "Sunday walking Lady" von Wally beigebracht hatte. Der Text war sofort da. Gelernt ist gelernt. Ich kramte in meinen Erinnerungen nach dem Song "I just wanna be a cowboy", den wir damals bei BROTHERS & SISTERS im Repertoire hatten. Ich war mir sicher, in einem meiner Altordner müssten Text und Akkorde vorhanden sein. Dem war nicht so. Den Text fand ich dann im Booklet der CD´s, die ich mir Mitte der 90er bestellt hatte. Japan-Import und jeweils 44.99 DM!!

Wozu gibt´s den Internät. Also versuchte ich mein Glück bei www.chordie.com , aber auch hier Fehlanzeige. Das Jagdfieber hatte mich gepackt. Irgendwo im weltweiten Nätz würde es schon einen Wally-Fan oder eine Community geben, wo ich fündig werden würde. Man mag es für sentimental oder verschroben halten, aber diese Band hatte mich nun mal bei einigen prägenden Momenten meines Lebens begleitet. Als ich die Nachricht vom Tode meines Bruders erhielt, hörte ich gerade "The Martyr". Als Rita die erste Nacht bei mir blieb hörten wir "Wally Gardens" und als unser Sohn geboren wurde, und ich nach 16 Stunden Entbindungsstation gegen 2.30 Uhr im Sessel einschlief, schickte mich "What to do" in den Schlaf. Diese Band gehört einfach zu mir.

Der erste Treffer waren YouTube-Videos der BBC aus dem Jahre 1975 von "Sunday walking Lady" und "The Martyr". Geil. Es gab noch einige Prog-Rock-Seiten mit Hinweisen auf die beiden Alben, "Wally" und "Wally Gardens" dieser Band. Aber ich fand keine weiteren Lyrics oder Noten. Nun gut. Vielleicht finde ich ja etwas auf den Homepäges der Musiker, soweit vorhanden. Ich wusste zwar, dass Pete Cosker, der Gitarrist, bereits verstorben war aber was machten die anderen Helden meiner Jugend?  Internät ist was feines. Roy Webber, der Sänger, spielte in einer Band Names "JacksonWebber" und hatte immer noch alte Wally-Nummern im Gepäck. Paul Middleton, Steel-Gitarre, war immer noch als PubMusiker und Bluesman in Südengland unterwegs. Roger Narraway war ein anerkannter Graphiker. Paul Gerret, Piano, war verschollen und Pete Sage, Violine, spielte seit Jahren hier in Deutschland bei der Achim Reichel Band. Ein Wally-Musiker hier, in unmittelbarer Nähe. Ich war geplättet. Da Pete keine eigene Homepäge hatte, schrieb ich Achim Reichel ins Gästebuch, dass er Pete herzliche Grüße von einem ewig gestrigen Wally-Fan ausrichten möge.

Herbst 2006.

Ich hatte Post. Von Pete Sage. Ungläubig blickte ich auf den Bildschirm. Pete bedankte sich für die Grüße und schrieb mir, mit ein wenig Wehmut, wie die Band nach einer Amerika-Tour an den unterschiedlichen Interessen zerbrach, wie er, der Liebe wegen, in Deutschland blieb, dass er keinen Kontakt mehr zu den anderen Musikern hatte und dass er sich freue, dass es noch Menschen gibt, die sich an Wally erinnern. Ich schrieb ihm, dass ich gern ein Autogramm auf meine Original-Wally LP hätte, wenn er mal wieder in Berlin sein sollte.

Winter 2006.

Pete hatte mir per Mail mitgeteilt, dass Achim Reichel in der Passionskirche spielt. Für mich lägen an der Abendkasse zwei reservierte Karten zur Abholung bereit. Ich konnte es kaum glauben.

Frühjahr 2007.

Wir fuhren, entgegen sonstiger Gepflogenheiten mit dem Auto zum Konzert. Ich hatte schließlich einen Schatz dabei. Mein Original Wally-Cover, 1974. Parkplatz, kein Problem. Karten erhalten und rein. Das Konzert war klasse. Akustische backline, toller sound, tolle Musiker und das Publikum textfest und größtenteils jenseits der 40. Pause, ich kämpfte mich zur Bühne. Die Band war schon in der Garderobe. Ich sprach einen Ordner an und bat ihn, Pete zu informieren. Er verschwand und kam ohne Pete wieder, wollte aber mein Cover haben. Ich gab es ihm widerwillig. Pete erschien kurz vor der Garderobe, kritzelte sein Autogramm auf das Cover, nickte mir kurz zu und ging zurück. Schade aber egal. Ich hatte, nach 33 Jahren mein Autogramm. Der zweite Teil des Konzerts war megageil. Zugabe war "Sansibar". Gefühlte fünf Minuten sang das Publikum "ALOHA LOHA HE, ALOHA HE, ALOHA HE", obwohl die Band schon von der Bühne war.

Sommer 2008.

Ich schickte Roy Webber eine mail, mit der Bitte mir mitzuteilen, wie ich an seine aktuelle CD kommen würde und das ich ein ewig gestriger Wally-Fan wäre. Keine Antwort bis heute. Zwischenzeitlich hatte ich über sein guestbook Kontakt zu Phillip, einem Wally-Fan aus Zypern (Internät machts möglich). Er war auf der Suche nach den Wally-CD´s. Ich bot ihm Kopien meiner Alben an und berichtete von meiner "Fastbegegnung" mit Pete. Der Eintrag war schon etwas älter. Er hatte die Scheiben bereits. Gut so.

Frühjahr 2009

Ich hatte Post von Roy Webber. Roy teilte mir mit, dass Paul Gerrett verstorben sei, das Wally ein Gedenk-Konzert plant und das er auf der Suche nach Pete sei. Pete sei ein "missing link" und wenn ich den Kontakt herstellen könne, sei ich " a part of the show". Ich gab ihm die Kontaktdaten und teilte dies Pete auch mit. Unglaublich, einfach unglaublich.

März 2009.

Pete meldete sich. Wally würde am 5.4.2009 ein Re-Union- und ein Gedenk-Konzert in der altehrwürdigen Royal Harrogate Hall, Nähe Leeds spielen. An der Abendkasse lägen zwei Karten. Ich rang um Fassung. Rita, ganz sachlich, begann zu checken, was es kosten würde und wie ich dahin komme. Ich liebe diese Frau. Wir steckten mitten im Umzug und hatten die Renovierung beider Wohnungen am Hals. So oder so, 500 Euro wären fällig. Ging einfach nicht. Nicht jetzt.

April 2009.

Die ersten Handy-Videos kursieren auf YouTube. Wally hier und jetzt und live. Ich könnte mir in den Ar..... beißen. Die Royal Harrogate Hall ist ein fantastischer Konzertsaal. Es ist eben wie es ist.

Mai 2009.

Pete hatte sich gemeldet. Wally sind im Studio und arbeiten an einer neuen CD. Wenn das Konzert bearbeitet ist, bekomme ich von ihm einen DVD-Mitschnitt. Wally wird am 16.4.2010 das neue Album in der Royal Harrogat Hall vorstellen. Der ewig gestrige Wally-Fan ist zufrieden und glücklich